Türkische Umgangssprache: So sprechen Türken wirklich

Katze Tarçın plaudert mit Freunden im Café und schreibt sorgfältig am Schreibtisch

Gesprochenes Türkisch unterscheidet sich vom geschriebenen vor allem in der Aussprache, nicht in der Grammatik. Häufige Verbformen werden zusammengezogen (ne yapıyorsun wird zu napıyon), das r von -yor fällt weg (geliyorum wird zu geliyom), bir schrumpft zu bi, und dazwischen stehen Füllwörter wie yani, şey und işte. Das kennst du aus dem Deutschen: Niemand sagt im Gespräch „Hast du das gesehen?“, sondern „Haste das gesehn?“. Dein Lehrbuch bringt dir die vollen Formen bei, und die schreibst du auch weiter. Um Leute auf der Straße, in der Schwiegerfamilie oder in einer türkischen Serie zu verstehen, musst du aber wissen, wie diese Formen beim Sprechen schrumpfen.

Fast jede umgangssprachliche Form in diesem Artikel ist eine vorhersehbare Kurzform eines Wortes, das du schon kennst. Wer die Muster lernt, kommt schneller voran als mit Slang-Listen. Wenn du Türkisch noch nicht sicher vorlesen kannst, fang mit unserem Artikel über das türkische Alphabet und die Aussprache an.

Warum Lehrbuchtürkisch anders klingt als die Straße

Lehrbücher und Prüfungen folgen der geschriebenen Standardsprache. Maßstab dafür ist die Türkische Sprachgesellschaft TDK (Türk Dil Kurumu), sie gibt den offiziellen Rechtschreibleitfaden und das Wörterbuch Güncel Türkçe Sözlük heraus. Ihre Rolle ist ungefähr die, die der Duden im Deutschen hat. So schreibst du eine E-Mail, so steht es in der Zeitung, so spricht die Nachrichtensprecherin.

Im schnellen, lockeren Gespräch verlieren häufige Wörter Silben, und manche Konsonanten werden kaum oder gar nicht ausgesprochen. Die Grammatik bleibt dieselbe: Endungen, Satzstellung und Vokalharmonie sind alle noch da. Es ist wie bei „Ich hab's dir doch gesagt“: Die Form ist kürzer, das Deutsch dahinter ist dasselbe.

Deshalb kann jemand, der die Zeitung gut liest, trotzdem hängen bleiben, wenn eine Freundin fragt: „Napcan akşam?“ (Was machst du heute Abend?)

Verbformen: der größte Unterschied

Das meiste, was Lernende verwirrt, kommt von einer Handvoll Verbformen, die man jeden Tag dutzende Male benutzt. Wenn du die Zeitformen noch verwechselst, lies zuerst unseren Artikel über -iyor, -ir und -ecek, denn die gesprochenen Formen unten sind Kurzformen genau dieser Zeiten. Die Endungen selbst folgen der Vokalharmonie.

Das Präsens verliert sein r

Die Endung -iyor verliert im lockeren Sprechen ihr r, wenn noch ein Laut folgt. Aus geliyorum wird geliyom, aus biliyor musun wird biliyo musun.

GeschriebenGesprochenBedeutung
geliyorumgeliyomich komme
bilmiyorumbilmiyomich weiß nicht
geliyor musun?geliyo musun?kommst du?
gidiyoruzgidiyozwir gehen
ne diyorsun?ne diyon?was sagst du?
anlıyor musun?anlıyo musun?verstehst du?

Für die du-Form gibt es zwei gesprochene Varianten. Geliyorsun wird zu geliyosun oder, noch lockerer, zu geliyon. Die Endung -on klingt sehr umgangssprachlich, du hörst sie vor allem unter Freunden und bei jungen Leuten.

„Ne yapıyorsun?“ in allen Varianten

Ne yapmak (was machen) verschmilzt so oft zu einem Wort, dass es eine eigene Tabelle verdient. Aus ne + yap- wird regelmäßig nap-, und danach kann jede Zeitform von yapmak stehen. Das Deutsche macht etwas Ähnliches, wenn aus „Was machst du denn?“ ein „Wasmachstn?“ wird.

GeschriebenGesprochenBedeutung
ne yapıyorsun?napıyosun? / napıyon?was machst du?
ne yapacaksın?napcan? / napacan?was machst du (nachher)?
ne yapalım?napalım?was sollen wir machen?
ne yapayım?napıyım? / napim?was soll ich (da) machen?
ne oldu?n'oldu?was ist passiert?

Napim? kommt oft mit einem Schulterzucken: „Was soll ich machen?“ oder „Na und?“. Welche Bedeutung gemeint ist, zeigt der Zusammenhang.

Auch das Futur schrumpft

Die Futurendung -ecek / -acak verliert beim Sprechen Vokale und Konsonanten, vor allem in der ersten und zweiten Person.

GeschriebenGesprochenBedeutung
geleceğimgelicem / gelcemich komme (dann)
yapacağızyapcaz / yapıcazwir machen das
geleceksingelceksin / gelicendu kommst (dann)
gelmeyecekgelmiceker/sie kommt nicht
ne zaman gideceksin?ne zaman gidicen?wann gehst du?

Die Endungen -cen und -can (gelicen, napcan) gehören zur selben Ebene wie napıyon: freundlich und sehr locker, nichts für Ämter oder die Prüfung.

Verschluckte und verschmolzene Laute

Neben den Verben gibt es ein paar Lautveränderungen, die du überall hörst.

  • Bir wird zu bi: bir şey ist bi şey, bir dakika ist bi dakka. Wie „'n“ für „ein“ im Deutschen („Haste mal 'n Euro?“).
  • Bei Ortswörtern fällt der mittlere Vokal weg: nerede wird nerde, burada wird burda, orada wird orda.
  • Böyle und şöyle verlieren ihr y und klingen wie böle und şöle.
  • Değil mi wird zu di mi. Aus Güzel, değil mi? (Schön, oder?) wird oft nur Güzel di mi? Es funktioniert wie das deutsche „ne?“ oder „oder?“ am Satzende.
  • Ğ dehnt den Vokal davor. Das beschreibt der TDK-Rechtschreibleitfaden: dağ klingt wie „daa“, öğretmen wie „ööretmen“. Deutschsprachige kennen das Prinzip vom Dehnungs-h in „Kuh“ oder „Bahn“, das man auch nicht ausspricht. Diese Regel gehört übrigens zur Standardaussprache, nicht nur zur Umgangssprache.

Ağabey (älterer Bruder) wird fast immer abi ausgesprochen und oft auch so geschrieben, das TDK-Wörterbuch führt abi als eigenen Eintrag. Du hörst es überall, vom Verkäufer bis zum Fremden, der dir den Weg erklärt. Wer türkische Familie in Deutschland hat, kennt abi und abla meist längst vom Küchentisch.

Zwei Katzen plaudern schnell unter einer Wolke aus überlappenden Sprechblasen

Füllwörter: yani, şey, hani, işte

Füllwörter verschaffen Zeit, machen eine Aussage weicher oder prüfen, ob du noch folgst, genau wie „also“, „halt“ und „sozusagen“ im Deutschen. In Lehrbüchern kommen sie kaum vor, im Gespräch hörst du sie ständig. Wenn du selbst ein paar davon benutzt, klingt dein Türkisch sofort weniger nach Lehrbuch.

FüllwortUngefähre BedeutungGebrauch
yanialso, ich meineumformulieren, erklären: Yani, gelmiyor. (Also, er kommt nicht.)
şeyäh, Dingsnach einem Wort suchen: Şey… adı neydi? (Äh… wie hieß das noch?)
hanidu weißt schon, weißt du nochauf gemeinsames Wissen zeigen: Hani o kafe var ya… (Du kennst doch das Café…)
iştehalt, siehst duzusammenfassen, hinweisen: İşte böyle. (So ist das halt.)
yaweicher SatzabschlussGefühl oder Nachdruck: Çok güzel ya! (Ist das schön!)
falanoder so, und soungefähr bleiben: Saat beş falan. (So gegen fünf.)
aslındaeigentlichkorrigieren oder ergänzen: Aslında haklısın. (Eigentlich hast du recht.)

Şey ist außerdem ein ganz normales Nomen für „Sache, Ding“ (bi şey, etwas). In einer Frage bedeutet hani etwas anderes: Hani kitap? heißt ungefähr „Und wo ist jetzt das Buch, das du versprochen hast?“.

Umgangssprachliche Wendungen, die du oft hörst

Die folgenden Ausdrücke sind ganz normales gesprochenes Türkisch, stehen aber selten in Anfängerbüchern. Höfliche Formeln wie kolay gelsin und afiyet olsun findest du in unserem Artikel über türkische Begrüßungen und Redewendungen.

Geschrieben / neutralGesprochenBedeutung
Ne haber?Naber?Was geht?, Wie läuft's?
Evet, kesinlikle.Aynen.Genau, eben
VallahiVallaEhrlich, ich schwör
HaydiHadiKomm, los
Önemli değil, bırak.Boş ver.Egal, vergiss es
İnanamıyorum.Yok artık!Echt jetzt?!, Gibt's ja nicht!
Gerçekten mi?Hadi ya! / Yok ya!Wirklich? / Ach komm!
ArkadaşKankaKumpel, Digga (junge Leute)

Manche dieser Wörter kennst du vielleicht schon aus dem Deutschen: kanka, lan oder valla sind auf vielen Schulhöfen und im Deutschrap angekommen. Im Türkischen haben sie aber oft eine eigene Färbung, dazu unten mehr. Welche Slang-Wörter wie kanka, abi oder aynen zu welcher Situation passen, zeigt unser Artikel über türkische Slang-Wörter.

Du hörst außerdem hocam (wörtlich „mein Lehrer“) als freundliche, respektvolle Anrede für jemanden, dessen Namen du nicht kennst. Das heißt nicht, dass dich jemand für eine Lehrkraft hält.

Register: wann du die gesprochenen Formen besser lässt

Der Begleitband zum GER des Europarats zählt soziolinguistische Angemessenheit, also das passende Register für die Situation, auf jeder Stufe zur Sprachkompetenz. Eine lockere Form zu kennen und zu wissen, wann sie passt, sind zwei verschiedene Fähigkeiten.

Bleib in diesen Situationen bei den vollen, geschriebenen Formen:

  • Alles Schriftliche: E-Mails, Formulare, Nachrichten an Vermieter oder Arbeitgeber und jeder Prüfungsaufsatz. In einer Schreibaufgabe bei TÖMER oder TYS gilt geliyom als Rechtschreibfehler. Was diese Prüfungen verlangen, steht in unserem Artikel TÖMER oder TYS.
  • Behörden und formelle Situationen. Beim Finanzamt, in der Bank oder im Uni-Büro sprichst du klar, neutral und mit siz. Diese Gespräche behandelt unser Artikel Türkisch für Auswanderer.
  • Ältere Menschen und neue Bekanntschaften. Napıyon? zur Großmutter deines Partners klingt respektlos, richtig ist Nasılsınız?. Mehr zu Anrede und Familie findest du in Türkisch lernen für den Partner und die Schwiegerfamilie.
  • Mündliche Prüfungen. Natürliche Aussprache ist in Ordnung, aber lass die sehr lockeren Endungen (-on, -can, -cen) und Slang wie kanka weg.

Manche Wörter sind schlicht grob. Lan hörst du unter befreundeten Männern ständig, gegenüber anderen klingt es aggressiv oder vulgär. Dass es im deutschen Jugendslang harmlos wirkt, ändert daran nichts. Oha (boah) ist sehr informell. Lern sie zu erkennen und überleg gut, bevor du sie selbst benutzt.

Eine sichere Faustregel: alles verstehen, selbst erst die mildesten Formen benutzen. Bi, nerde, biliyo musun und yani passen in fast jedes Gespräch. Napıyon und napcan hebst du dir für Freunde auf.

Wenn du mit Türkisch aufgewachsen bist

Viele, die in Deutschland mit Türkisch in der Familie groß geworden sind, haben das umgekehrte Problem: Sie sprechen die Umgangssprache fließend, schreiben aber so, wie sie sprechen, also geliyom statt geliyorum. Für Nachrichten an die Cousine ist das kein Problem, für eine Bewerbung, eine Prüfung oder eine Mail an eine türkische Behörde schon. Wie du die Schriftsprache als Erwachsener gezielt nachholst, steht in Türkisch als Herkunftssprache.

So trainierst du dein Ohr für schnelles Türkisch

Schnelles Sprechen zu verstehen ist eine andere Fähigkeit als Lesen und braucht eigenes Training.

  1. Lern zuerst die Muster, dann erst Slang-Listen. Sobald du weißt, dass -yor sein r verliert und ne yap- zu nap- wird, verstehst du auf einen Schlag Dutzende Wörter. Geh die Tabellen oben durch, bis du beim Hören der Kurzform sofort die volle Form sagen kannst.
  2. Schreib kurze Ausschnitte mit. Nimm 20 bis 30 Sekunden aus einem Podcast, einem Vlog oder einer Serie und schreib genau auf, was du hörst, Kurzformen inklusive. Vergleich danach mit Transkript oder Untertiteln. Die Lücken zeigen dir, welche Kurzformen dir noch entgehen.
  3. Sprich nach (Shadowing). Spiel einen Satz ab, halte an und sprich ihn im selben Tempo und mit derselben Melodie nach. **Wer geliyom selbst sagt, hört es viel leichter.**
  4. Nutz Untertitel in Stufen. Schau eine Folge zuerst mit türkischen Untertiteln und dann noch einmal ohne. Untertitel zeigen oft die Standardschreibung, so hast du geschriebene und gesprochene Form direkt nebeneinander.
  5. Sprich mit echten Menschen in echtem Tempo. Aufnahmen werden für dich nicht langsamer, Gespräche auch nicht. Wer live übt, Rückmeldung bekommt und nachfragen kann („Pardon, ne dediniz?“, Entschuldigung, was haben Sie gesagt?), baut den Reflex schneller auf als nur durch Zuhören.

Die Umgangssprache wird deutlich leichter, sobald die Grundzeiten automatisch sitzen, weil du dann den Kopf frei hast für den Klang. Was jede Stufe beim Hörverstehen erwartet, erklärt unser Artikel über die Türkisch-Niveaus A1 bis C2.

Häufige Fragen

Ist gesprochenes Türkisch eine andere Sprache als geschriebenes?

Nein. Es ist dieselbe Sprache mit derselben Grammatik, nur schneller und lockerer ausgesprochen. Die Unterschiede sind vor allem verkürzte Wörter, verschluckte Laute und Füllwörter, dazu etwas Slang, der eher gesprochen als geschrieben wird. Im Deutschen ist das Verhältnis von „Haste mal Zeit?“ zu „Hast du einmal Zeit?“ ganz ähnlich.

Sollten Anfänger die gesprochenen Formen lernen?

Du solltest sie früh erkennen können, besonders -yo(m), nap-, bi und nerde, denn die hörst du vom ersten Tag in der Türkei oder beim ersten Familienbesuch an. Sprich und schreib die vollen Formen, bis sie automatisch sitzen, und nimm die lockeren nach und nach dazu.

Darf ich „geliyom“ oder „napıyon“ in Nachrichten schreiben?

Mit Freunden ja, so schreiben Türken in lockeren Chats ständig. In allem Formellen und in Prüfungen nimmst du die Standardschreibung (geliyorum, ne yapıyorsun), wie sie die TDK festlegt.

Ist der Istanbuler Akzent der Standard?

Das Standardtürkische beruht auf der gebildeten Istanbuler Aussprache, deshalb klingen die Fernsehnachrichten nah daran. Andere Regionen haben eigene Akzente und Wörter, und viele türkische Familien in Deutschland stammen aus Regionen, deren Dialekt deutlich anders klingt. Die Kurzformen in diesem Artikel hörst du aber im ganzen Land.

Tabellen erklären dir napcan. Ob du es beim dritten Glas Tee am Tisch der Schwiegerfamilie wirklich mitbekommst, ist eine Frage der Übung im echten Tempo. Das kannst du mit Ceylan machen, unserer muttersprachlichen Lehrerin, die auf Türkisch oder Englisch erklärt. Fang mit dem kostenlosen Einstufungstest an und frag dann eine kostenlose Probestunde von 20 bis 30 Minuten an. Auf jede Anfrage antworten wir innerhalb von 24 Stunden.