Türkische Vergangenheit: -di oder -miş? Einfach erklärt

Katze Tarçın blättert im Sessel durch ein Fotoalbum, daneben eine Sprechblase mit erstauntem Gesicht

Das Türkische hat zwei einfache Vergangenheitsformen, und beide beschreiben abgeschlossene Ereignisse. Der Unterschied liegt darin, woher du davon weißt. Mit -di (geldi) sagst du, was du gesehen, selbst getan oder sicher weißt. Mit -miş (gelmiş) sagst du, was du von anderen gehört, aus Spuren erschlossen oder gerade erst bemerkt hast. Ins Deutsche übersetzt man beide oft gleich („sie ist gekommen“), und genau deshalb verwechseln Lernende sie.

Viele deutsche Grammatiken übersetzen -miş nur mit „soll gekommen sein“. Das trifft das Hörensagen, aber nicht die anderen zwei Verwendungen, die im Alltag mindestens genauso häufig sind. Die Sprachwissenschaft nennt diesen Unterschied Evidentialität: ein grammatisches Merkmal dafür, woher eine Information stammt. Die Universal-Dependencies-Richtlinien für das Türkische sagen es direkt: Beide Endungen bezeichnen ein abgeschlossenes Ereignis, und der Unterschied zwischen ihnen ist Evidentialität, nicht Zeit. Die türkische Schulgrammatik trennt genauso. Sie nennt -di die görülen geçmiş zaman („gesehene Vergangenheit“) und -miş die öğrenilen oder duyulan geçmiş zaman („erfahrene“ oder „gehörte Vergangenheit“).

Die wichtigste Warnung für Deutschsprachige: nicht Perfekt gegen Präteritum

Es liegt nahe, die zwei türkischen Formen auf die zwei deutschen zu verteilen: -di als Präteritum („kam“), -miş als Perfekt („ist gekommen“). Das funktioniert nicht. Im Deutschen wählst du zwischen Präteritum und Perfekt vor allem nach Stil und Region, im Türkischen nach der Quelle deines Wissens.

  • „Ich kam gestern an“ und „Ich bin gestern angekommen“ sind beide Dün geldim, mit -di, weil du es selbst erlebt hast.
  • „Ahmet hat geheiratet“, wenn du es nur gehört hast, ist Ahmet evlenmiş, mit -miş.

Hilfreicher sind die deutschen Wörter, die du in solchen Sätzen ergänzen würdest: anscheinend, angeblich, wohl, ja. Wo im Deutschen eines dieser Wörter passt, passt im Türkischen oft -miş.

-di: die erlebte Vergangenheit

Nimm -di, wenn du dabei warst oder wenn die Sache für dich feststeht. Dün Ankara'ya gittim heißt „Gestern bin ich nach Ankara gefahren“. Du bist selbst gereist, es gibt nichts zu berichten oder zu erschließen.

Die Endung folgt der vierfachen Vokalharmonie. Wenn sie für dich noch neu ist, erklärt unser Artikel über türkische Vokalharmonie und Endungen die Regeln. **Der Vokal ist ı, i, u oder ü, passend zum letzten Vokal des Verbstamms.** Auch der Konsonant kann sich ändern. Nach den stimmlosen Konsonanten f, s, t, k, ç, ş, h, p wird d zu t. Das ist die Konsonantenangleichung (ünsüz benzeşmesi), eine der Lautregeln im Rechtschreibleitfaden der TDK.

Letzter Vokal des StammsNach Vokal oder stimmhaftem KonsonantenNach f, s, t, k, ç, ş, h, p
a, ıaldı, yazdıbaktı, çıktı
e, igeldi, sevdigitti, içti
o, uokudu, oldukoştu, tuttu
ö, ügördü, düşündüöptü, küstü

Die Personalendungen folgen direkt auf die Endung. Es ist die kurze Reihe: -m, -n, -k, -niz, -ler.

Persongelmek (kommen)yapmak (machen)
bengeldimyaptım
sengeldinyaptın
ogeldiyaptı
bizgeldikyaptık
sizgeldinizyaptınız
onlargeldileryaptılar

-di gilt auch für bekannte Tatsachen, die heute niemand selbst gesehen hat. İstanbul 1453'te fethedildi („Istanbul wurde 1453 erobert“) steht mit -di, weil es gesicherte Geschichte ist, kein Gerücht. „Sicher“ zählt mehr als „mit eigenen Augen gesehen“.

-miş: gehört, erschlossen oder überrascht

-miş sagt, dass dein Wissen indirekt ist. Es gibt drei häufige Gründe dafür.

  1. Hörensagen. Jemand hat es dir erzählt, oder du hast es gelesen. Ahmet evlenmiş heißt „Ahmet hat geheiratet (habe ich gehört)“. Hier passt das deutsche „soll“: „Ahmet soll geheiratet haben.“
  2. Schlussfolgerung. Du siehst das Ergebnis, nicht das Ereignis. Du schaust hinaus, die Straße ist weiß, und sagst Kar yağmış, „Es hat (wohl) geschneit.“
  3. Überraschung oder neue Erkenntnis. Dir wird etwas klar, das du nicht wusstest. Wenn du das Kind einer Freundin nach zwei Jahren wiedersiehst, sagst du Ne kadar büyümüşsün!, „Bist du aber groß geworden!“

Für die dritte Verwendung nutzt die Sprachwissenschaft auch den Begriff Mirativ, ein Marker für Überraschung. Der Wikipedia-Artikel zur Mirativität nennt das türkische -miş als Beispiel. **Im Deutschen erledigen das oft die Abtönungspartikeln ja und aber**: „Das ist ja teuer!“ ist Pahalıymış!

Die Form ist einfacher als bei -di. Das m ändert sich nie. Nur der Vokal folgt der vierfachen Harmonie: -mış, -miş, -muş, -müş. Aus gitmek wird also gitmiş, nie „gitmış“ und nie „gittmiş“.

Letzter Vokal des StammsBeispiel
a, ıalmış, yazmış, çıkmış
e, igelmiş, gitmiş, içmiş
o, uokumuş, olmuş, koşmuş
ö, ügörmüş, düşünmüş, öpmüş

Die Personalendungen sind andere als bei -di. -miş nimmt die längere Reihe, die du auch von -iyor und dem Futur kennst.

Persongelmekokumak
bengelmişimokumuşum
sengelmişsinokumuşsun
ogelmişokumuş
bizgelmişizokumuşuz
sizgelmişsinizokumuşsunuz
onlargelmişlerokumuşlar

-miş hörst du am Anfang fast jedes türkischen Märchens: Bir varmış, bir yokmuş, „Es war einmal, es war keinmal“. Die Erzählerin hat nichts davon gesehen, also steht das ganze Märchen in -miş. Im Deutschen erzählt man Märchen im Präteritum, im Türkischen ist es die Form des Hörensagens.

Eine Parallele aus den deutschen Nachrichten

Eine deutsche Struktur kommt -miş in einem Punkt nahe: der Konjunktiv I der indirekten Rede. „Der Minister sei zurückgetreten“ zeigt, dass die Zeitung etwas weitergibt, ohne es selbst zu behaupten. Bakan istifa etmiş tut dasselbe. **Der Unterschied: Im Deutschen ist der Konjunktiv I eher Schriftsprache, das türkische -miş gehört in jedes Alltagsgespräch.**

Dieselbe Trennung bei Nomen und Adjektiven

Beide Vergangenheiten hängen auch an Nomen und Adjektiven, nach Vokal mit einem -y-. Hastaydı heißt „sie war krank“, und du weißt es. Hastaymış heißt „sie war wohl krank“ oder „sie soll krank gewesen sein“. Nach demselben Muster gibt es evdeydi / evdeymiş („er war zu Hause“) und öğretmendi / öğretmenmiş („sie war Lehrerin“). Die Universal-Dependencies-Seite führt hastaydı und hastaymış als eigenes Paar auf. **Hier wird -miş im Alltag am meisten benutzt:** Pahalıymış („Das ist ja teuer“), Güzelmiş („Ach, das ist aber schön“).

Zwei Katzen am Gartenzaun: eine erzählt etwas, die andere hört erstaunt zu

Verneinung und Fragen

Verneinung

Die Verneinung -me/-ma steht vor der Vergangenheitsendung. Weil -me/-ma auf einen Vokal endet, behält -di in der Verneinung immer sein d.

Im Folgenden steht ein Großbuchstabe für einen Laut, der sich dem Wort anpasst:

BuchstabeKann sein
Iı, i, u, ü
Dd, t
Verb-DI verneint-mIş verneint
gelmekgelmedigelmemiş
almakalmadıalmamış
gitmekgitmedigitmemiş
görmekgörmedigörmemiş

Gitmedim heißt „Ich bin nicht hingegangen.“ Ödevini yapmamış heißt „Er hat seine Hausaufgaben (anscheinend) nicht gemacht.“

Fragen

Fragen bilden die Partikel mı, mi, mu, mü. Hier verhalten sich die zwei Vergangenheiten verschieden, und das ist einer der häufigsten Schreibfehler.

  • Bei -di bleibt die Personalendung am Verb, und mi kommt zuletzt: Geldin mi? („Bist du gekommen?“), Geldiniz mi?, Yaptın mı?
  • Bei -miş wandert die Personalendung an die Partikel: Gelmiş misin?, Gelmiş miyiz?, Gelmiş misiniz? Ausnahme ist die dritte Person Plural: Gelmişler mi?

Verneinte Fragen verbinden beide Regeln: Gelmedin mi? („Bist du nicht gekommen?“) und Gelmemiş mi? („Ist er denn nicht gekommen?“). Die TDK-Rechtschreibregeln legen fest, dass die Fragepartikel immer getrennt geschrieben wird, der Vokalharmonie des Wortes davor folgt und alle nachfolgenden Endungen aufnimmt. Geldin mi ist also richtig, „geldinmi“ falsch.

Wo Lernende die beiden verwechseln

-miş als deutsches Perfekt benutzen. „Ich bin schon in der Türkei gewesen“ ist nicht Türkiye'ye gitmişim. In der ersten Person bedeutet -miş, dass du etwas getan hast, ohne es zu merken. Uyuyakalmışım! heißt „Ich hab verschlafen!“, gesagt, wenn du aufwachst und auf die Uhr schaust. Für deine eigenen Reisen nimm -di: Türkiye'ye gittim oder Daha önce Türkiye'de bulundum.

Klatsch mit -di weitergeben. Erzählt dir eine Kollegin, dass Ayşe gekündigt hat, und du gibst es als Ayşe istifa etti weiter, behauptest du, es aus erster Hand zu wissen. Ayşe istifa etmiş ist das, was Muttersprachler ganz natürlich sagen. Falsch ist -di hier nicht, aber es ist eine stärkere Aussage, als du vielleicht meinst.

-mıştı für Hörensagen halten. -mıştı (gelmişti, yapmıştı) ist -miş plus -di und entspricht dem deutschen Plusquamperfekt: „war gekommen“, „hatte gemacht“. Ben vardığımda tren kalkmıştı heißt „Als ich ankam, war der Zug schon abgefahren.“ Das -di am Ende macht daraus eine erzählte, bekannte Tatsache, kein Gerücht. In geschriebenen Geschichten und in Lesetexten auf B2 und C1 kommt es oft vor. Was diese Niveaus bedeuten, erklärt unser Überblick über die Türkisch-Niveaus A1 bis C2.

-miş verhärten. Wer gerade gitti und baktı gelernt hat, schreibt manchmal „gitmiş“ richtig, aber auch „baktmış“ oder „gittmiş“. Nur -di ändert seinen Konsonanten. -miş nie.

Die höfliche Abschwächung verpassen. -miş macht eine Beschwerde oft weicher, weil es das Problem als etwas darstellt, das dir gerade erst auffällt. Hesap yanlış yazılmış galiba („Ich glaube, die Rechnung ist falsch“) klingt weniger nach Vorwurf als yanlış yazdınız („Sie haben das falsch geschrieben“). Diese Abschwächung hilft dir auch bei Gesprächen mit Kollegen und Vorgesetzten, siehe unseren Artikel zu Türkisch für den Job in der Türkei.

Und ein Wort an Herkunftssprecher: Wenn du Türkisch in der Familie gelernt hast, setzt du -miş vermutlich nach Gefühl richtig, kannst es aber nicht erklären. Die drei Gründe oben sind die Erklärung. Mehr dazu, wie du als Erwachsener aufholst, steht in Türkisch als Herkunftssprache.

Kurze Dialoge

Gesehen gegen gehört: Zwei Freunde reden über ein Fußballspiel.

A: Dün akşam maçı izledin mi? B: Evet, izledim. Çok güzel bir maçtı. C: Ben izlemedim ama Galatasaray kazanmış, değil mi?

B hat das Spiel gesehen und nimmt -di. C kennt nur das Ergebnis, nimmt -miş und vergewissert sich mit değil mi? („oder?“).

Spuren und Bestätigung: Jemand zieht morgens die Vorhänge auf.

A: Aa, kar yağmış! B: Evet, gece yağdı. Saat ikide uyandım, gördüm.

A sieht den Schnee und schließt, dass es geschneit hat. B war wach und hat es schneien sehen. Dasselbe Ereignis bekommt zwei verschiedene Endungen, weil die beiden auf verschiedene Weise davon wissen.

Überraschung: Eine Lehrerin trifft einen Schüler auf dem Markt.

A: Merhaba hocam! Beni hatırladınız mı? B: Tabii ki! Ne kadar Türkçe öğrenmişsin, çok güzel konuşuyorsun!

Die Lehrerin merkt gerade, wie viel der Schüler gelernt hat, also ist öğrenmişsin natürlich, etwa „Du hast ja richtig viel Türkisch gelernt!“.

Neuigkeiten weitergeben: Zwei Nachbarinnen im Treppenhaus.

A: Duydun mu? Karşı daireye yeni bir aile taşınmış. B: Biliyorum, dün taşındılar. Ben de yardım ettim.

A gibt eine Neuigkeit weiter und nimmt -miş. B hat beim Umzug geholfen und antwortet mit -di.

Die schnelle Entscheidungstabelle

Deine SituationFormBeispiel
Du hast es getan oder gesehen-DIDün sinemaya gittim.
Bekannte Tatsache oder Geschichte-DIAtatürk 1881'de doğdu.
Jemand hat es dir erzählt-mIşFiyatlar artmış.
Du siehst das Ergebnis, nicht das Ereignis-mIşYağmur yağmış, yerler ıslak.
Es wird dir gerade klar-mIşKapı açıkmış!
Du hast es getan, ohne es zu merken-mIşAnahtarı evde unutmuşum.
Ein Märchen oder eine gehörte Geschichte-mIşBir varmış, bir yokmuş.
Ein Ereignis vor einem anderen-mIştIVardığımda film başlamıştı.

Wenn du unsicher bist, frag dich, ob du im Deutschen „anscheinend“, „wohl“, „angeblich“ oder ein überraschtes „ja“ ergänzen würdest. Wenn ja, nimm -miş. Wenn du es nüchtern sagst und dafür geradestehst, nimm -di.

Neben diesen zwei Vergangenheiten stehen Präsens, Aorist und Futur, die wir in Türkische Zeitformen: -iyor, -ir oder -ecek erklären. Im lockeren Gespräch hörst du auch verkürzte Formen, was sich dort ändert, zeigt unser Artikel über türkische Umgangssprache. Wenn deine Verben sitzen, sind die türkischen Fälle das nächste System.

Häufige Fragen

Ist -miş dasselbe wie das deutsche Perfekt?

Nein. Perfekt und Präteritum unterscheiden sich im Deutschen vor allem im Stil, -miş dagegen zeigt die Quelle deiner Information. „Ich habe den Film gesehen“ ist O filmi gördüm, mit -di. Dem Perfekt ähnelt -miş nur, wenn du ein Ergebnis entdeckst, wie in Kar yağmış („Es hat geschneit“).

Heißt -miş immer „soll ... haben“?

Nur beim Hörensagen. Bei Schlussfolgerungen passt eher „wohl“ oder „anscheinend“, bei Überraschung das deutsche „ja“: Kar yağmış ist „Es hat ja geschneit!“, nicht „Es soll geschneit haben“.

Kann ich -di für etwas nehmen, das ich nicht gesehen habe?

Ja, wenn du es als sicher behandelst. Historische Tatsachen, offizielle Ergebnisse und Dinge, die du überprüft hast, stehen mit -di. -miş zeigt, dass du eine Information weitergibst oder erschließt, nicht, dass du sie anzweifelst.

Was ist der Unterschied zwischen -mıştı und -miş?

-miş ist die berichtete oder erschlossene Vergangenheit. -mıştı entspricht dem Plusquamperfekt („hatte gemacht“), für ein Ereignis vor einem anderen vergangenen Ereignis. Es markiert kein Hörensagen.

Wie lange dauert es, -di und -miş natürlich zu benutzen?

Dafür gibt es keinen festen Zeitrahmen. Bilden können die meisten Lernenden beide Formen früh, aber die Wahl ohne Nachdenken braucht Hörpraxis und jemanden, der echte Sätze korrigiert.

Die Tabelle oben hilft beim Schreiben. Im Gespräch greifst du trotzdem oft zur falschen Form, weil die Wahl in einer Sekunde fallen muss, und das hört eine Lehrerin schneller als du selbst. Ceylan ist Muttersprachlerin mit einem Master in Türkisch als Fremdsprache und acht Jahren Unterrichtserfahrung und erklärt Grammatik auf Türkisch oder Englisch. Wenn du magst, mach den kostenlosen Einstufungstest und frag eine kostenlose Probestunde von 20 bis 30 Minuten an. Wir antworten innerhalb von 24 Stunden.